Gedanken zu Thema Wie kommt das Neue in die Welt am 9.11.2025

Jan. 23, 2026

Gedanken zum 9.11. 2025 – Fest Lateranbasilika (C)

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes.

Das Paschafest der Juden war nahe

und Jesus zog nach Jerusalem hinauf.

Im Tempel

fand er die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben

und die Geldwechsler, die dort saßen.

Er machte eine Geißel aus Stricken

und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus

samt den Schafen und Rindern;

das Geld der Wechsler schüttete er aus,

ihre Tische stieß er um

und zu den Taubenhändlern sagte er:

Schafft das hier weg,

macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!

Seine Jünger erinnerten sich, dass geschrieben steht:

Der Eifer für dein Haus wird mich verzehren.

Da ergriffen die Juden das Wort und sagten zu ihm:

Welches Zeichen lässt du uns sehen,

dass du dies tun darfst?

Jesus antwortete ihnen: Reißt diesen Tempel nieder

und in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten.

Da sagten die Juden:

Sechsundvierzig Jahre wurde an diesem Tempel gebaut

und du willst ihn in drei Tagen wieder aufrichten?

Er aber meinte den Tempel seines Leibes.

Als er von den Toten auferweckt war,

erinnerten sich seine Jünger, dass er dies gesagt hatte,

und sie glaubten der Schrift

und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte.

Gedanken:

Ich liebe diese Evangeliumsstelle der Tempelreinigung und ich liebe es, wie Jesus hier emotional, wütend, voller Leidenschaft und voller Emotionen agiert und handelt. Aber, darf er das denn überhaupt? Ist Jesus – in unserem Kopf – nicht der ewig sanftmütige, gütige, verständnisvolle und weise? Was ich das tolle an dieser Stelle finde, ist, dass es uns wieder einmal klar vor Augen führt: Jesus war ein Mensch, ein Mensch wie du ich, ein Mensch mit Ängsten und Hoffnungen, ein Mensch auch mit Emotionen und eben auch mit Wut du Wutausbrühen, so wie wir das eben gerade gehört haben.

Aber was ist es eigentlich, dass Jesus so in Rage versetzt hat, was ist es, dass Jesus wütend und zornig gemacht hat?

Eigentlich ist die Antwort darauf ganz einfach: Jesus hat es unendlich wütend gemacht zu erleben, dass Menschen es verhindern, dass Neues entsteht und stur am Alten festhalten und es zelebrieren.

Im Tempel herrschte Tausch, berechnender Tausch, der so funktionierte: Ich bringe, was vorgeschrieben ist und bezahle dafür und erkaufe mir dadurch die Gnade und Liebe Gottes. Do ut des. Ich gebe etwas, und du lieber Gott bist damit verpflichtet mir etwas dafür zu geben. Hilfe im Krieg, fruchtbare Ernte und was immer der Mensch von Gott erwartete. Einfach knallharte Berechnung. Alles geschah nach der Devise „Wenn ich Gott etwas gebe, dann erhalte ich etwas zurück“.

Für Jesus war das aber völlig widersinnig und absurd. Denn er verkündet Gott als denjenigen, der Gnade UMSONST gibt. Gott kommt jedem menschlichen Tun in seiner Gnade zuvor. Ich brauche ihn nicht zu „bezahlen“ oder gar zu bestechen, oder milde zu stimmen. Das Leben ist geschenkt, es kommt umsonst von Gott. Es gab nichts zu handeln zwischen Mensch und Gott. Keinen Preis, den der Mensch hätte zahlen können, um Gottes Handeln zu beeinflussen. Gnade ist kein Produkt. Sie wird geschenkt. Wo Gnade regiert, entsteht Neues: Menschen atmen auf, Gemeinschaft wird weit.

Das also hat Jesus so in Rage gebracht und das wollte er unbedingt ändern. Das neue etablieren und nicht im Alten unendlich weiterwurschteln.

Die Jünger erinnern sich an den Psalm: „Der Eifer für dein Haus verzehrt mich.“ Eifer – das ist nicht kühle Sachlichkeit. Das ist Leidenschaft. Emotion.

Was können wir für unser Leben, für unseren Alltag aus dieser Evangeliumstelle mitnehmen? Ich denke, man sieht hier sehr gut, was notwendig ist und was erforderlich ist, dass Neues entstehen kann:

  • das Alte sichtbar unterbrechen und
  • eine Deutung der Zukunft um das Neue auch zu ermöglichen. Es braucht also eine ganz klare Vision
  1. Jesus unterbricht sichtbar das Alte. Nicht, um Menschen zu demütigen, sondern um ein System zu stoppen, das die Beziehung zu Gott verdeckt. Das Neue bahnt sich seinen Weg, indem das Alte nicht einfach noch einmal poliert wird und irgendwie ohne große Änderung weiterbestehen kann, sondern unterbrochen wird.

Jesus macht eine Störung – bewusst, sichtbar, hörbar, emotional, leidenschaftlich. Das ist kein Gewaltausbruch, der verletzt, es ist ein klares Zeichen: „So nicht weiter.“

Es gibt Momente, in denen Gott uns ruft, aufzustehen, uns aufruft Tische der Gewohnheit umzukippen, uns aufruft Stellung zu beziehen und zu sagen“ „Das geht nicht mehr.“ Das betrifft die Gesellschaft genauso wie Beziehungen und genauso wie die Kirche und das betrifft selbstverständlich auch unsere ganz konkrete Kirche hier im Pallottihaus. Wir werden darüber heute auch noch am Ende des Gottesdienstes sprechen.

Sichtbare Unterbrechung heißt: Wir stoppen das Muster, damit Raum für Neues entsteht. Sichtbare Unterbrechung kann heißen: Ich spreche, wenn andere schweigen; ich schreibe einen Brief; ich unterstütze Initiativen, die „Tische“ der Ausgrenzung umdrehen.

Und ja: Jesus ist emotional. Er ist zornig – nicht zerstörerisch, sondern heilsam. Es gibt einen Zorn, der gut ist, im Volksmund gibt es auch den Begriff des „heiligen Zorns“: Zorn über Ungerechtigkeit, über das, was Menschen klein macht oder Gott verdeckt. Diesen Zorn hat Jesus nicht wegerzogen. Er kanalisiert ihn. Er richtet ihn auf das System, nicht auf einzelne Menschen. Manchmal braucht es unsere Emotionen, damit Trägheit und Gleichgültigkeit aufbricht.

  1. Aber die Unterbrechung, die Wut, der heilige Zorn wäre im wahrsten Sinn des Wortes sinnlos, wenn nicht bereits das Neue erkennbar ist und als Vision gedeutet werden kann. Also konkret, wie schaut das Neue aus, das stattdessen kommen soll?

Jesus macht das ganz konkret, wenn er sagt „Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn aufrichten.“ Die Leute verstehen ihn halt in diesem Fall nicht wirklich, aber für Jesus ist das eine ganz klare Zukunft und Wirklichkeit.

Etwas wahrnehmen, das nicht in Ordnung ist – Aufstehen und Stellung beziehen –  Das Neue hereinlassen und ermöglichen.

Wo gibt es bei mir in meinem Leben einen „Wechseltisch“, den ich umwerfen soll und darf, ja vielleicht sogar muss? Vielleicht ist es der Tisch des ständigen Vergleichens, der mich klein macht. Vielleicht ist es der Tisch der Kontrolle, der Gott keinen Spielraum lässt. Vielleicht ist es der Tisch des Schönredens und der Aufschieberei. Oder vielleicht ist es bei dir und ihnen ein ganz anderer Tisch, der umgeworfen werden muss.

Jesus will den Raum in uns freiräumen, damit wir atmen können. Manchmal beginnt diese Räumung damit, dass ich einer Emotion Platz gebe.

Gott braucht nicht unsere abgestumpften Herzen – er sucht unsere ansprechbaren.

Ich lade uns alle ein, in der kommenden Woche einmal darauf zu schauen, was mich ganz konkret bewegt und wütend macht und wofür mein Herz stattdessen brennt

So kommt das Neue in die Welt:

  • durch sichtbare Unterbrechung,
  • durch ein Wort aus Gottes Zukunft
  • und durch Menschen, die ihre Emotionen nicht verstecken, sondern sie Gott hinhalten und mutig handeln.

(c) Dr. Alexander Kaiser